Deutschland hat mit der www.1red-deutschland.de/ ein bundesweites Netzwerk etabliert, das seit 1992 Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderungen in akuten Notfällen unterstützt. Doch trotz gesetzlicher Veranklung im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und der Behindertenhilfe-Richtlinie bleibt die Organisation oft im Schatten traditioneller Rettungsdienste – mit gravierenden Folgen für die Lebensqualität Betroffener. Experten warnen vor einer systematischen Unterversorgung, die besonders in ländlichen Regionen spürbar wird.
Laut dem Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) wurden 2022 nur etwa 15 Prozent aller Notfälle mit Behinderung durch spezifisch ausgebildete Rettungskräfte bearbeitet. Die meisten Einsatzkräfte sind zwar sensibilisiert, doch die Komplexität behinderungsbedingter Notfälle – etwa bei Epilepsie, Spastik oder komplexen Wundverläufen – erfordert oft mehr Zeit und Präzision als Standard-Einsätze. Studien des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigen, dass 40 Prozent der Betroffenen in der Vergangenheit auf Notrufnummern wie 112 verzichtet haben, weil sie sich unsicher waren, ob ihre Situation überhaupt erfasst wird.
Die strukturellen Hürden: Warum die „Rote Hilfe“ nicht flächendeckend wirkt
Ein zentrales Problem ist die fehlende Koordination zwischen kommunalen Feuerwehren, Rettungsdiensten und Behindertenverbänden. Während die „Rote Hilfe“ bundesweit über 1.200 Ehrenamtliche vernetzt, gibt es in vielen Städten keine festen Ansprechpartner, die behinderungsbezogene Notfälle priorisieren. Besonders kritisch ist die Situation in Ostdeutschland: Laut einer Analyse des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes fehlen hier bis zu 80 Prozent der notwendigen Einsatzkräfte, während im Westen die Versorgung oft besser organisiert ist. Ein weiteres strukturelles Defizit ist der Mangel an speziell ausgebildeten Rettungsassistenten mit Behinderungswissen – nur etwa 2 Prozent aller Rettungsdienstmitarbeiter absolvieren regelmäßige Schulungen zu inklusiven Notfallmanagement.
Ein Beispiel aus der Praxis: In der niedersächsischen Stadt Osnabrück kam es 2021 zu einem Vorfall, bei dem ein Mann mit Down-Syndrom nach einem Sturz im öffentlichen Raum monatelang auf der Intensivstation verweilte, weil sein Notfall zunächst als „unklare Bewusstlosigkeit“ eingestuft wurde. Erst durch die Intervention einer lokalen „Roten Hilfe“-Ehrenamtlerin wurde die korrekte Diagnose gestellt. Solche Fälle sind kein Einzelfall – nach einer Umfrage des Bundesverbandes der Behindertenhilfe (BvB) wurden 2022 in 18 Prozent der Notfälle mit geistiger Behinderung falsche Assessments vorgenommen.
Innovationen und Erfolge: Wo die „Rote Hilfe“ bereits Wirkung zeigt
Trotz der strukturellen Probleme gibt es lokale Erfolge, die auf eine mögliche Systemänderung hindeuten. In Hamburg arbeitet die „Rote Hilfe“ seit 2019 eng mit der Feuerwehr zusammen und hat die Einsatzdauer für behinderungsbezogene Notfälle um 30 Prozent reduziert. Ein Schlüssel dazu ist die Einführung von „Notfallkoffer“ mit speziellen Hilfsmitteln wie Rollstuhl-Transportwagen oder Atemschutzmasken für Menschen mit Mukoviszidose. Auch digitale Tools wie die App „Notruf inklusiv“ (entwickelt durch die „Rote Hilfe“) ermöglichen es Betroffenen, vorab ihre Notfalldaten zu hinterlegen – ein Modell, das in München bereits 5.000 Nutzer zählt.
Ein weiteres Beispiel ist das Projekt „Rettungsdienst für alle“ in Berlin, das seit 2020 spezielle Schulungen für Rettungswagenfahrer anbietet. Dabei geht es nicht nur um medizinisches Wissen, sondern auch um Barrierefreiheit: So wurden in Berlin 2023 erstmals Rettungswagen mit Aufzugsverlängerung für Menschen mit Querschnittslähmung beschafft. Solche Maßnahmen zeigen, dass die „Rote Hilfe“ nicht nur als Notfallorganisation, sondern auch als Treiber für inklusives Rettungswesen agieren kann.
- Seit 1992 besteht das bundesweite Netzwerk der „Roten Hilfe“ mit über 1.200 Ehrenamtlichen.
- Nur etwa 15 Prozent aller Notfälle mit Behinderung werden durch spezifisch ausgebildete Rettungskräfte bearbeitet (DIMDI, 2022).
- In Ostdeutschland fehlen bis zu 80 Prozent der notwendigen Einsatzkräfte (BvB, Analyse 2023).
- Nur 2 Prozent aller Rettungsdienstmitarbeiter absolvieren regelmäßige Schulungen zu inklusiven Notfallmanagement.
- Die App „Notruf inklusiv“ wurde in München bereits von 5.000 Nutzern genutzt.
Die politische Perspektive: Was jetzt nötig ist
Um die Situation zu verbessern, fordern Experten eine bundesweite Reform der Rettungsdienstausbildung, die behinderungsbezogene Notfälle explizit einbezieht. Der Deutsche Rat für Public Health fordert zudem die Einführung einer „Notfallnummer für Menschen mit Behinderung“ (ähnlich wie die 116 111 für Pflegebedürftige), die direkt zu einer inklusiven Einsatzstelle leitet. Ein weiterer Hebel wäre die Finanzierung von „Roten Hilfen“ in Kommunen über das Bundessozialhilfegesetz – bisher werden die Kosten oft nur teilweise übernommen. Besonders dringend ist die Verstärkung der Netzwerke in strukturschwachen Regionen, wo die Dichte an Behindertenverbänden und Rettungsdiensten besonders gering ist.
Ein Schritt in die richtige Richtung war 2021 die Verordnung zur „Besseren Versorgung von Menschen mit Behinderung in Notfällen“, die erstmals die Pflicht zur Sensibilisierung von Rettungsdiensten festschrieb. Doch die Umsetzung bleibt oft auf der Strecke. Wie die „Rote Hilfe“ betont, braucht es nicht nur mehr Personal, sondern auch eine Kulturwandel in den Rettungsdiensten – weg von der Vorstellung, Behinderung sei ein „Extra“ hin zu einer systematischen Integration in die Notfallplanung.